Heft 4

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Schermbecker Hefte Nr. 4 Oktober 2000

 "Chronik der Gemeinde Altschermbeck"  2. Teil  1945 – 1958

 

 

Aus dem Inhalt:

 

1945                 Glück gehabt – Schermbeck in Flammen März 1945

                        Bürgermeister Maassen in Schermbeck

                        Bürgermeister Markfort in Altschermbeck

1946                 Schulbetrieb

                        Mord in Üfte

                        Entnazifizierung – Fragebogen

1947                 Firmung durch Weihbischof Roloff

1948                 Stromversorgung, Ernte

                        Währungsreform

                        Fastnacht

1948/49            Kartoffelkarte für Kleinkinder

                        Fleisch- und Fischkarten

1949                 Entwicklung der Kirchen- und Schulverhältnisse

                        Kilian – Königspaar Grüter/Schulte-Bocholt

                        Trachtenschützenfest Üfte – Königspaar Wellmann/Nelskamp

1950                 Hochaltar der Ludgeruskirche

1951                 Kanalisation

                        Kilian – Königspaar Bernhard Becker und Ursula Schetter

1952                 Firmung im Mai mit Weihbischof Rohloff

                        Kilian – Königspaar BM Josef Markfort und Gertrud Underberg-Vennhoff

                        Gemeindewahlen – Ergebnisse

1953                 Kilian – Königspaar Erich Rehmann und Frau Marienbohm

                        Dr. Karl Maassen zurück aus russischer Kriegsgefangenschaft

                        Baustelle Mittelstraße

                        Das neue Kriegerehrenmal wird eingeweiht

1954                 Kilian – Königspaar Josef Große-Ruiken und A. Möllmann

                        Verlegung einer Wasserleitung

                        Trachtenschützenfest in Üfte

                        Glockenweihe

                        Unfalltod von Pfarrer Heinrich Gerdemann

1955                 der neue Pfarrer Heinrich Timmermann

                        Kilian –Königspaar Josef Dahlhaus und Martha Schetter

                        Kinderschützenfest in Rüste

                        Pfingstebrut un Üfte

                        Gründung Heimatverein Altschermbeck

1956                 Kilian – Königspaar Josef Vortmann und Lisbeth Schürmann

                        Umlegungsverfahren

                        Gemeinde-, Amts- und Kreiswahlen

1957                 Kilian – Königspaar Josef Fasselt und Magret Hilgenberg

                        Spar- und Darlehnskasse an der Mittelstraße

1958                 Erweiterung des Krankenhauses

 

Teil I endete mit der Schilderung der trostlosen und hoffnungslosen Lage in der Heimat im März 1945. Der Chronist schildert nun die Ereignisse ab Ende März 1945:

 

Und dann kam das große Unglück über uns!

Am 22. März wurden hauptsächlich Sprengbomben geworfen, am 23. März erst wieder Sprengbomben und dann eine ungeheure Menge Brandbomben. Durch letztere sind die Häuser von Schermbeck fast alle vernichtet, ganz Schermbeck eine Ruine. In Altschermbeck sind durch Sprengbomben ganz zerstört: Schmied Josef Fasselt, Wirt Josef Nappenfeld, Schneider Dahlhaus. Schwer mitgenommen sind das Krankenhaus, Bernh. Becker Frisör, Wirt J. Gerten, Wirtschaft Menting und mehr oder weniger fast alle anderen Häuser des Dorfes. Auf dem Friedhof wurde beim Begräbnis einer Frau eine andere Frau ziemlich schwer und der Küster Franz Baumeister durch Artilleriebeschuß  so schwer verletzt, daß er nach ein paar Tagen verstorben ist.

Am 28. März, Mittwoch vor Ostern, zogen die Feinde mit einer gewaltigen Macht hier ein. In Üfte kamen sie vom Dämmerwald her, den Weg bei Nelskamps Ziegelei vorbei, eine kleinere Gruppe bei Rittmann, Möllmann vorbei. Am Tage vorher gab es starken Artilleriebeschuß in der Nähe von Heinr. Brüggemann, Üfte 18. Viele Einschläge in der Wiese am Bach, wohl 70 und mehr, sie richteten aber keinen besonderen Schaden an.

Am 25.03. war die Schule in Üfte durch Jabos (Jagdbomber, Tiefflieger) angegriffen worden. Zwei Bomben fielen in unmittelbarer Nähe, 1 – 2 m vom Gebäude entfernt, zwei Tage darauf schlug eine Granate in den Birnbaum und zerstörte das Innere der alten Schule vollständig, das Gebäude selbst blieb einigermaßen erhalten.

 

Weitere Textauszüge aus dem Heft:

Jetzt kommen wieder eine große Menge Hamsterer aus dem Industriegebiet aufs Land, um ihre Nahrungsmittelnot zu lindern. Nicht selten sind 50 – 60 Mann an einem Tag an einem Bauernhaus gewesen. Es ist wirklich große Not! Vierzehn Tage nach dem Einmarsch, am 10.04.1945, gab es hier die erste Zuteilung auf den neuen Lebensmittelmarken, in einer Woche je Person ein Brot im Gewicht von 1½  kg. Fleisch hat es in 4 Wochen einmal gegeben, 500 g für jeden, sonst nichts.

Seit dem 18.04. hat Rüste wieder elektrisches Licht bis Schmeing, Albert, in der Nähe des Dorfes. Auch die Leute in Buschhausen haben unter der Russenknute sehr zu leiden. Einzelne Gehöfte werden, ähnlich wie in Üfte und Overbeck, mit Horden von 15 – 20 Mann und mehr überfallen. Dann wird alles mitgenommen, es gibt Leute, die keinen einzigen Anzug mehr haben.

 

Weiter heißt es in dem ersten Bericht nach Kriegsende aus der Heimat:

„Wir anderen haben den Krieg gesund überstanden. Zwar haben die Flieger in der letzten Woche unsere Heimat furchtbar heimgesucht. Dorsten, Wesel, Dülmen sind ausgelöscht; Schermbeck fast ganz ausgebrannt. Erle, Raesfeld, Borken sehr stark beschädigt. Wir hatten am Vorabend des feindlichen Einmarsches einen Feuerüberfall der feindlichen Artillerie: Rund 80 Granateinschläge, davon 50 im Hagen. Kämpken, große Wiese, kleine Wiese, Garten und einer am Silo. Aber das Haus hat keinen Treffer bekommen, nur ziemlich starke äußere Schäden. Ja, da haben wir eine Viertelstunde Todesangst gehabt. Und doch war das alles längst nicht so schlimm wie augenblicklich.

Die Russenplage ist furchtbar. Wir zittern vor jeder Nacht. Einmal haben 16 Mann bei Tage einen Plünderungsversuch gemacht, doch durch Hinzukommen der Nachbarn sind sie verhältnismäßig schnell vertrieben worden, ohne sehr viel mitbekommen zu haben. Nun waren in dieser Woche über 30 Mann bei Nacht hier, 6 Türen haben sie eingeschlagen, Heini schlugen sie zu Boden, drangen mit Dolchen auf uns ein. Agnes blutete am Kopf und Arm, Theo auch, Mariechen warfen sie die Treppe hinunter; etwas haben wir alle abgekriegt, die Kinder sind halb verrückt geworden vor Angst. Die Nachbarn wurden alarmiert, ... auf diese wurde ein regelrechtes Feuergefecht eröffnet mit Karabinern, Handgranaten, sogar eine Panzerfaust schossen sie ab. Unser Nachbar (Bergers Heini) hat 3 Messerstiche gekriegt, ist knapp am Tod vorbeigekommen., er liegt noch. Weil die Nachbarn dazukamen, hat das Rauben nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Bettwäsche ist viel weg, aber sonst nicht viel. Darum haben wir solche Angst, sie kommen wieder. Amerikanische Posten stehen nur in Schermbeck, die schicken nachts wohl einen oder zwei Streifenwagen, aber wir haben trotzdem keine Ruhe. Seit 3 Tagen schlafen wir an der Schule... Wenn die wiederkommen und finden die Schränke ziemlich leer, ... dann zwingen sie uns mit der Waffe, die Sachen herauszurücken. Und das wollen wir auch nicht gern, so kurz vor Toresschluß. Es heißt, das Lager soll in einigen Tagen geräumt werden. Gott gebe es und erlöse uns von dieser Plage ... Drei Wochen waren alle von der Schule und von Berger  bei uns, wir waren 61 Mann.“

 

Die Ziegelei Nelskamp in Overbeck war durch den Krieg nur wenig zerstört worden. Wohl fehlten die Arbeitskräfte und zunächst auch die Kohlen. Die meisten Männer waren noch im Krieg, die russischen Kriegsgefangenen in die Heimat zurückgekehrt. Als man die ersten Kohlen bekam, wurde wieder gearbeitet, erst nur stundenweise. Alle Angehörigen der Familie Nelskamp, auch die Frauen, standen mit an der Presse. Elektrischen Strom erzeugte man über die Dampfmaschine selbst, konnte sogar noch über lange Nachrichtenkabel was an einen Nachbarn abgeben, damit er mit der Maschine melken konnte. Die beste Kohle mußten die Zechen abliefern, für die Deutschen blieb die minderwertige, besonders die Schlammkohle. Wegen der geringen Heizkraft mußte der Heizer oft nachlegen. Je nach Windrichtung liefen dann die Hausfrauen schnell zur Wäscheleine, um die Wäsche vor dem schwarzen Rauch in Sicherheit zu bringen.

 Die Ziegelei in Gartrop hatte während des Krieges stillgelegen,  aus Mangel an Arbeitskräften. Beim Einmarsch hatten die Alliierten sie teilweise eingerissen. Die nahe gelegene Kanalbrücke war zerstört, der Kanal ohne Wasser. Man brauchte Material, um den Weg durch den Kanal zu befestigen. Erst später wurde die Brücke wieder benutzbar und der Kanal schiffbar. Nun wurde auch das Werk Gartrop hergerichtet und mit den damals modernsten Maschinen und Transportbändern ausgestattet.

 

 1946

Am 3. Januar konnte der Schulbetrieb wieder voll und ganz aufgenommen werden, auch für die 5. – 8. Jahrgänge, die bislang noch keinen Unterricht haben durften. Es dürfen nur die von der Militärregierung zugelassenen Bücher benutzt werden. Der Unterricht in Geschichte und Geographie ist noch untersagt.

Am 28.12.45 wütete ein starker Sturm, der viele Schäden verursachte, besonders an den Dächern und Stockscheunen. In Rüste ging eine neu erbaute Scheune der Wwe.  Aldenhoff-Bremer vollständig in Trümmer. Mehrere Tage war die Stromleitung für Licht- und Kraftstrom unterbrochen.

 

 1949

Wir erlebten einen sehr milden Winter. Der Februar brachte recht warme Tage, sogar Bienenflugwetter. Am 1. März brachte ein orkanartiger Sturm viele Dachschäden. Dann gab es vom 01. bis 10. März Winterwetter mit Eis und Schnee. Die Hühnerdiebstähle nehmen zu. Am 20 II. waren sie bei Pauls, am 2. III. bei Joh. Bartelt, bei Lehrer Grunewald in der Nacht  vom 13. zum 14.03. 9 Hühner und 1 Hahn ließen sie mitgehen.

Am 18.02.  fand ein Vater es richtig, während der Schulzeit den Lehrer mit einigen Ohrfeigen zu traktieren, weil er glaubte, sein Sohn sei nicht gerecht behandelt worden. Das Gericht verurteilte ihn zu 80,00 DM Geldstrafe und Tragen der Gerichtskosten.

 

 1951

Kanalisation:

Ende Mai/Anfang Juni wurde die Kanalisation in der Schloßstraße durch die Fa. Heinrich Fasselt durchgeführt, für etwa 4.000,00 DM. Die alten Schöppkes, die seit undenkbaren Zeiten den Häusern gegenüber gestanden haben, sind verschwunden. Der Schandfleck von Altschermbeck, eine Straße mit Kopfsteinpflaster, auf der man sich den Hals brechen konnte, mit Abwasserrinnen an der Seite, etwa 4 m breit, wird nach 50jährigem Kampfe endlich gemacht. Der Sattler und Polsterer Richard Schürmann baut sich dort ein Haus mit Werkstatt und Laden.

Kilian 1951: Das Zelt wurde auf dem Sportplatz an der Schule aufgebaut. König Bernhard Schetter, Königin Ursula Schetter, seine Cousine, beide aus der Schetterstraße.

Kaplan F. Völker verließ am 10. Oktober Altschermbeck, um eine Stelle in Telgte anzunehmen. Nachfolger: Kaplan Küpper. Im Garten der Kaplanei baut die Kath. Kirchengemeinde ein Jugendheim

 

1954

Ludgeruskirche: Im Februar und März wurde die Pfarrkirche neu ausgemalt, ein neuer Kommuniontisch aufgestellt, auch vier neue Bänke, der Altarraum umgestaltet, der Predigtstuhl versetzt, die Kriegergedächniskapelle verlegt, neue Lampen und z. T. neue Fenster angeschafft. Das Taufbecken erhielt seinen Platz, wo vorher die Gedächtniskapelle war.

Teile der Dorstener Straße wurden erneuert, vom Dorf bis Bartelt, bei Tasse und vom Transformator in Emmelkamp bis Holsterhausen.

 

Bei der Wahl zum Landtag am 27.06.1954 waren 823 gültige Stimmen. Davon erhielten:

CDU =       662 Stimmen                                     FDP =  20 Stimmen

SPD =         45 Stimmen                                     KPD =   2 Stimmen

Zentrum =  79 Stimmen                                       BHE =   8 Stimmen

Wahlberechtigt waren 1001 Bürger, die Wahlbeteiligung betrug 82,2 %

 

Kilian: Am 11. und 12. Juli wurde gefeiert. Albert Schmeing war Festwirt. König: Josef Große-Ruiken, Königin Frau Ä. Möllmann.

 

Üfte: Nach 5 Jahren wieder das Trachtenschützenfest Üfte/Overbeck. Wie üblich mit blauen Kitteln und Holzschuhen, Volkstänzen und Umzug. Viele Besucher fanden sich ein. Ehemalige Üfter zum Heimatfest, viele aus Interesse an den Volkstänzen und dem bunten Bild, das sich ihnen bot.

 

1957

Primiz: Clemens Niermann feierte am 17. März seine Primiz. Die ganze Gemeinde nahm regen Anteil daran.

Kilian: Das traditionelle Schützenfest wurde vom 14. – 16. Juli gefeiert. Königspaar auf dem Dorfe: Josef Fasselt jun. u. Margret Hilgenberg, in der Stadt: Julius Gedrath u. Frau Änne Schulte-Drevenack.

 

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